Frohe Weihnachten und ein glückliches Jahr 2025!

Art is love. Love is art.

Museen sind eigenartig. Sie komprimieren die Werke verschiedener Künstler*innen auf verhältnismäßig engem Raum. Unterschiedliche Epochen, Stile, Techniken und Materialien treffen aufeinander. Ob Skulptur, Gemälde, Fotografie oder Installation – in der Kunst ist bekanntermaßen alles erlaubt. Doch auch das Museum selbst hat Auswirkungen darauf, wie seine Besucher*innen sich darin bewegen, Kunst wahrnehmen und darin sind.

Als Juwel moderner dänischer Architektur schmiegt sich das Louisiana in Humlebæk an die Steilküste. 1957 entwarfen Jørgen Bo und Vilhelm Wohlert gemeinsam den ersten Teil des modernen Anbaus – den Nordflügel mit Glaskorridoren und einer Cafeteria –, der die bereits 1855 entstandene »Gamle Villa« (Alte Villa) ergänzen sollte. Nach Fertigstellung der Arbeiten wurde das Museum 1958 durch seinen Gründer Knud W. Jensen eröffnet. Benannt nach den drei Ehefrauen des Vorbesitzers des Haupthauses, Alexander Brun, die alle Louise geheißen haben sollen.

Drinnen, draußen, dazwischen

Seit seiner Eröffnung präsentiert das Louisiana Museum of Modern Art, wie es vollständig heißt, seine stetig wachsende Sammlung als Dauerausstellung. Dauerbrenner und »Grundpfeiler der Sammlung«, wie das Museum selbst auf seiner Webseite schreibt: die Giacometti Gallery im Nordflügel. In diesem doppelgeschossigen Raum wirkt draußen wie drinnen und drinnen wie draußen. Durch eine übergroße Fensterfront öffnet sich der Blick in den Seegarten.

Die Giacometti Gallery am Ende des Nordflügels des Louisianas. Rechts: L’Homme qui marche (Der schreitende Mann, 1960/61).

Mehrere Skulpturen des Schweizer Bildhauers Alberto Giacometti (1901–1966), der zu Lebzeiten Jensen in seinem Louisiana besuchte, begleiten Besucher*innen bei ihrem Weg durch den Nordflügel bis in die Galerie. Fälschungen seiner Werke hatten immer wieder Schlagzeilen gemacht. Das Louisiana zeigt Originale wie Der schreitende Mann – eine lebensgroße, schmale und unproportionale Plastik, die dennoch den beschriebenen Raum mühelos zu füllen scheint.

Immer wieder neue Blicke

Heute finden zudem vier bis sechs wechselnde Ausstellungen pro Jahr Platz im Kunstmuseum im alten Fischerdorf knapp 40 Kilometer nördlich von Kopenhagen, das neben einer kleinen Kirche auch einen prachtvollen Friedhof beheimatet. Gelegen direkt am See, gegenüber des Museums.

Auf besondere Weise beeindruckend ist die aktuelle Ausstellung der französischen Künstlerin Sophie Calle (*1953). In Arbeiten, die sich stets aus Fotografien und Text zusammensetzen, nimmt sie sich der großen Fragen nach der eigenen Existenz und menschlichen Emotionen an. Sie hat blinde Menschen gefragt, was das Schönste ist, das sie je gesehen haben. Oder aber sie stickt Gründe für das Auslösen ihrer Kamera auf kleine Vorhänge, welche die Fotos dahinter verhüllen. So haben alle Betrachter*innen eine ganz eigene Erfahrung mit jedem einzelnen Bild.

In What Do You See? (Was siehst du?) besuchte Calle erneut die leeren Bilderrahmen, die 1991 nach dem Diebstahl von 13 Werken im Isabella Stewart Gardner Museum in Boston ohne ihren ursprünglichen Inhalt erneut aufgehängt wurden. Damals forderte Calle Museumsmitarbeiter*innen und Besucher*innen auf, die gestohlenen Bilder aus dem Gedächtnis zu beschreiben, und fotografierte sie vor den leeren Rahmen. Es folgen Picassos im Lockdown und eine bedrückend ehrliche Abrechnung mit ihrem eigenen Lebenswerk. Eine Ausstellung, aus der viele sichtlich ergriffen herausstolpern – ich auch.

Unendlicher Blick auf den Øresund: Das Louisiana in Humlebæk liegt direkt an der Ostsee.

Die große Porträt-Sammlung von Lucian Freud (1922–2011), einem der wohl einflussreichsten Porträtmaler des 20. Jahrhunderts und Sigmunds Enkel, unter dem Titel »Everything is a portrait« ist zwar ein eindrucksvoller Abriss durch Freuds Lebenswerk, lässt aber einen Vermerk zu einem seiner wohl berühmtesten Bilder vermissen.

Zwar kann das Louisiana das Portrait of Francis Bacon nicht im Original ausstellen, weil es 1988 aus der Neuen Nationalgalerie in Berlin gestohlen worden ist. Doch zumindest eines der »Wanted«-Plakate hätte ich gern gesehen – wenn auch im Nachdruck. Zum Fall sei die Reihe »Die Suche nach Bacons Kopf« im Podcast Kunstverbrechen der NDR-Kolleg*innen Lenore Lötsch und Torben Steenbuck empfohlen.

Bilder, die nicht loslassen

Ein kurzer Abstecher noch zum US-Künstler Arthur Jafa (*1960), über dessen Videoinstallation APEX (2013) ich immer noch nachdenke. Jafa reiht Hunderte Bilder Schwarzer Geschichte aneinander. In schneller Folge erscheinen sie zum Beat von Robert Hoods Technosong Minus (1994). Dabei reichen die Bilder von Künstlern wie Miles Davis bis zum Monster aus dem Film Alien. Von Kleinstorganismen unter einem Mikroskop bis zu blutigen Massakern – explizite Gewaltdarstellungen, der Warnhinweis am Eingang hat seine Berechtigung. Auf einen Auszug verzichte ich deshalb an dieser Stelle. Aber es gibt etwas zu hören.

Eine Infotafel an der Rückwand des Saals, in dem Jafas achtminütiges Video unermüdlich flackert und piept und stampft, fasst meinen ersten Eindruck – nachdem ich einen ganzen Durchlauf gesehen habe – in Worte: »APEX ist gleichzeitig überwältigend und meditativ. Es bombardiert die Zuschauer*innen mit Bildern, die sich nicht im Bewusstsein niederlassen dürfen, aber dennoch einen starken Effekt erzeugen.«

Die Kunst des Verweilens

Nach ein, zwei, drei Sälen mehr ist man dann einmal durchs ganze Louisiana durch. Beim Skulpturenpark macht mir ein Regenschauer einen Strich durch die Rechnung. Doch auch innerhalb der Museumsmauern gibt es genug zu entdecken: vollverglaste Gänge, kleine Aussichtspunkte, Bänke und immer wieder dieser Blick auf den Øresund. Orte, an denen man kurz stehen bleibt, obwohl man eigentlich schon weitergehen wollte. Nicht nur ich. Auch die anderen Besucher*innen lassen sich treiben. Jung oder alt, von nah oder fern angereist – vollkommen egal. Sie sitzen, schauen, reden, schweigen. Sie betrachten Kunst und betrachten das Meer. Sie sind einfach da.

Man muss nicht jedes Werk verstehen, nicht jede Ausstellung vollständig durchdringen und schon gar nicht alles mögen. Wie auch? Man darf sich überraschen lassen, ratlos sein, begeistert sein oder einfach an einem Fenster stehen und aufs Wasser schauen. Das Museum schafft Raum für all das – und vielleicht ist das seine größte Kunst.

Und vielleicht ist Liebe genau das: bleiben zu wollen, obwohl man längst alles gesehen hat.